Ashwagandha & Hormonbalance bei Frauen | Studien & Wirkung
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Dr. Long Duc Nguyen
ehemaliger Biochemiker der Charité Berlin und ganzheitlicher Ernährungsberater, gründete Bionutra, um natürliche Mikronährstoffe aus hochwertigen Superfoods und Heilpflanzen für alle einfacher zugänglich zu machen.
1.Was ist Ashwagandha und warum ist es für Frauen interessant?
Ashwagandha (Withania somnifera), auch bekannt als Schlafbeere, wird seit Jahrhunderten in der ayurvedischen Medizin zur Förderung von Vitalität, Ruhe und innerem Gleichgewicht eingesetzt. In den letzten Jahren hat das Interesse an dieser Pflanze stark zugenommen – insbesondere unter Frauen, die nach natürlichen Wegen zur Unterstützung ihrer hormonellen Balance suchen.
Bekannt ist Ashwagandha vor allem als Adaptogen, das dem Körper hilft, besser mit Stress umzugehen. Doch neuere wissenschaftliche Arbeiten deuten darauf hin, dass seine Wirkung weit über die reine Stressreduktion hinausgeht: Es gibt Hinweise, dass Ashwagandha endokrine Prozesse beeinflussen und sowohl Schilddrüsen- als auch Geschlechtshormone modulieren kann.
2. Aktuelle Forschung: Ashwagandha und hormonelle Effekte über den Stress hinaus
Die erste gut dokumentierte klinische Studie zur Stressreduktion stammt von Chandrasekhar et al. (2012). In dieser doppelblinden, placebokontrollierten Untersuchung mit 64 Teilnehmenden führte eine achtwöchige Einnahme von 300 mg Ashwagandha-Extrakt (KSM-66®) zweimal täglich zu einer signifikanten Senkung des Cortisolspiegels um durchschnittlich 27,9 %. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden über mehr Ruhe, Energie und Konzentrationsfähigkeit.
Diese Ergebnisse sind nicht nur für Stress relevant – sie bilden auch die Grundlage für mögliche hormonelle Effekte. Denn Cortisol, das sogenannte „Stresshormon“, steht in enger Wechselwirkung mit dem hypothalamisch-hypophysären System (HPA-Achse), das wiederum Schilddrüsen-, Eierstock- und Nebennierenfunktionen steuert.
Ein zweiter Forschungsstrang befasst sich direkt mit weiblichen Sexualhormonen. In einer klinischen Studie von Lahiri et al. (2022) erhielten 80 gesunde Frauen mit sexueller Dysfunktion über acht Wochen täglich 600 mg Ashwagandha-Wurzelextrakt. Im Vergleich zur Placebo-Gruppe zeigten sich signifikante Verbesserungen bei Erregung, Lubrikation und Orgasmusfähigkeit, begleitet von erhöhten Serumspiegeln von Testosteron und DHEA-S – Hormonen, die bei Frauen mit Energie, Libido und Stimmung in Verbindung stehen.
Andere kleinere Studien weisen darauf hin, dass Ashwagandha Schilddrüsenhormone (T3, T4) bei subklinischer Hypothyreose anheben kann, ohne die TSH-Werte pathologisch zu beeinflussen. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass Ashwagandha regulierend – nicht stimulierend – wirkt: Es kann sowohl bei Überlastung als auch bei Unterfunktion homöostatische Prozesse unterstützen.
Erfahren Sie in unserem BeitragAshwagandha kombinieren, wie Ashwagandha sinnvoll mit anderen Pflanzen für das hormonelle Gleichgewicht verwendet werden kann.
3. Wie Ashwagandha die hormonelle Balance beeinflussen könnte
Die Wirkmechanismen sind komplex und noch nicht vollständig geklärt, doch mehrere Hypothesen erscheinen plausibel:
Modulation der HPA-Achse:
Ashwagandha scheint die Stressreaktion des Körpers zu dämpfen, indem es die Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse reguliert. Eine stabilisierte HPA-Achse führt zu ausgeglicheneren Cortisolwerten – und damit zu weniger hormonellen Schwankungen, die durch Stress ausgelöst werden können.
Einfluss auf Gonadotropine (LH/FSH):
Präklinische Studien legen nahe, dass Ashwagandha über eine zentrale Wirkung auf den Hypothalamus die Ausschüttung von Luteinisierendem Hormon (LH) und Follikelstimulierendem Hormon (FSH) modulieren kann. Dadurch könnte die Eisprung- und Progesteronproduktion unterstützt werden – was besonders bei unregelmäßigem Zyklus relevant wäre.
Antioxidativer Schutz der Ovarien:
In Tiermodellen zeigte sich, dass die in Ashwagandha enthaltenen Withanolide oxidative Schäden an den Eierstöcken reduzieren können. Durch diesen antioxidativen Effekt bleiben Mitochondrien und Zellmembranen der Ovarien besser intakt, was langfristig die hormonelle Aktivität stabilisieren könnte.
Verbesserung von Schlaf und Stressresistenz:
Chronischer Schlafmangel und psychischer Stress zählen zu den häufigsten Ursachen hormoneller Dysbalancen. Da Ashwagandha nachweislich die Schlafqualität verbessert und das Cortisol-Tagesprofil harmonisiert, kann es indirekt zur Erholung des endokrinen Systems beitragen.
Gemeinsam deuten diese Mechanismen darauf hin, dass Ashwagandha nicht „Hormone erzeugt“, sondern Stress- und Entzündungsprozesse reguliert, die wiederum auf hormoneller Ebene ausgleichend wirken.
Trotz der wachsenden Zahl an Studien bleiben einige Punkte offen.
– Langzeitwirkungen:
Es existieren bislang kaum Untersuchungen über längere Einnahmezeiträume von mehr als drei Monaten. Unklar ist daher, ob sich hormonelle Veränderungen über längere Zeit stabilisieren oder zurückbilden.
– Zielgruppen:
Die meisten Studien beziehen sich auf Frauen mit Stressbelastung oder sexueller Dysfunktion. Für gesunde Frauen unterschiedlichen Alters – etwa während des Menstruationszyklus, in der Perimenopause oder nach der Menopause – fehlen kontrollierte Daten.
– Placebo-kontrollierte Designs:
Viele Untersuchungen sind klein und nicht immer doppelt verblindet. Um objektive Effekte auf LH, FSH, Estradiol oder Progesteron nachzuweisen, sind größere randomisierte Studien notwendig.
– Dosis und Darreichungsform:
Aktuell werden unterschiedliche Extrakte (KSM-66®, Sensoril®) und Dosierungen (300–600 mg) verwendet. Welche Form bei welcher hormonellen Situation am wirksamsten ist, bleibt zu klären.
Mehr zur richtigen Einnahme und Dosierung erfahren Sie in unserem Beitrag Ashwagandha Dosierung.
Ashwagandha zeigt in mehreren klinischen und präklinischen Studien ein bemerkenswertes Potenzial zur Unterstützung der hormonellen Balance bei Frauen. Seine Wirkung geht dabei weit über Stressreduktion hinaus: Durch die Regulierung der HPA-Achse, den antioxidativen Zellschutz und mögliche Einflüsse auf LH- und FSH-Signalwege kann es hormonelle Rhythmen harmonisieren und das allgemeine Wohlbefinden fördern.
Gleichzeitig ist die Forschungsbasis noch begrenzt. Es fehlen Langzeit- und Vergleichsstudien, die verschiedene Altersgruppen, hormonelle Phasen und Dosierungen differenziert betrachten.
Zukünftige Untersuchungen sollten gezielt analysieren, wie Ashwagandha:
– die Schilddrüsenfunktion bei subklinischer Dysfunktion stabilisieren kann,
– die Zyklusregulation und Menopause-Symptomatik beeinflusst,
– und welche Biomarker (Cortisol, LH, FSH, Estradiol, DHEA-S) sich als objektive Messgrößen eignen.
Bis dahin lässt sich festhalten: Ashwagandha ist ein vielversprechendes Adaptogen für Frauen, das durch ganzheitliche Regulation – nicht durch Hormonstimulation – zu innerer Balance, Vitalität und Ruhe beitragen kann.
Studien und Quellen
Chandrasekhar K, Kapoor J, Anishetty S. A prospective, randomized double-blind study of safety and efficacy of a high-concentration full-spectrum extract of Ashwagandha root in reducing stress and anxiety in adults. Indian J Psychol Med. 2012;34(3):255–262. https://doi.org/10.4103/0253-7176.106022
Ajgaonkar A, Jain M, Debnath K. Efficacy and Safety of Ashwagandha (Withania somnifera) Root Extract for Improvement of Sexual Health in Healthy Women: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled Study. Cureus. 2022;14(10):e30787. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9701317/
Sharma AK, et al. Withania somnifera modulates thyroid hormone concentrations in subclinical hypothyroid patients: a double-blind randomized study. J Altern Complement Med. 2018;24(3):243–248. https://doi.org/10.1089/acm.2017.0183
Kukkemane K, Jagota A. Therapeutic effects of hydro-alcoholic leaf extract of Withania somnifera on age-induced changes in daily rhythms of Sirt1, Nrf2 and Rev-erbα in the SCN of male Wistar rats. Biogerontology.2020;21(5):593-607. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32249404/